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  1. Vor- und Zurückblättern im Raum

    Patrizia Keller

     

    Simone Holligers künstlerische Praxis basiert auf der Zeichnung, die sie stets von neuem hinterfragt und andersartig interpretiert. Seit einigen Jahren dient ihr Papier nicht mehr nur als Bildträger, sondern überwiegend als Baumaterial. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Grenze zwischen Zeichnung und Skulptur – wir sprechen von Raumzeichnungen, Reliefs, Objekten oder gar Installationen. Die lineare Zeichnung überführt sie in die Dreidimensionalität, klebt und baut aus der Papierfläche heraus. InEine Skulptur (nach der Zeichnungsserie «Steine» von Alberto Magnelli)von 2017 errichtete sie so beispielsweise eine skulpturale Landschaft im Ausstellungsraum. Als Baumaterial verwendete sie auch hier Papier. Anstatt wie ein Bildhauer aber, der wegschlägt oder aufträgt, umhüllte sie sozusagen den Leerraum mit Kulissenkarton – ein idealer Werkstoff für Bühnenmalerei oder für den Bau einer Theaterszenerie.

     

    Mit den kleinformatigen Zeichnungen – vielmehr sind es Reliefs oder Objekte – begann Simone Holliger 2015 während ihres Aufenthaltes in Marfa Texas, USA. Seither entwickelt sie die Serie kontinuierlich weiter. Das Einfache, Skizzenhafte rührt von der Überlegung her, wie sie die an Ort entstandenen Arbeiten wieder nach Hause transportieren würde. Äussere, praktische Umstände führten insofern dazu, die Grenzen von Papier als Material, das Robustheit und Fragilität vereint, spielerisch weiter auszuloten. Positiv- wie auch Negativform werden getestet. Hie und da stellt sie Vorder- und Rückseite einer Arbeit zur Schau. Leimspuren oder Fingerabdrücke bleiben klar ersichtlich und verweisen auf den Entstehungsprozess. Die Farbe trägt sie erst nachträglich auf das bereits realisierte Objekt auf. Immer wieder variiert sie sowohl Papierart als auch Maltechnik. Je nach Behandlung des Papierträgers ergibt sich eine andere Materialität. Manche, mit Kreide oder Grafit bearbeitete Blätter, erinnern an Stein- oder gar Marmorskulpturen, wieder andere an Eisenplastiken. Die bei der Einfärbung von Textilien verwendeten Pigmente wiederum mögen beim Papier gar den Anschein von Stofflichkeit hervorzurufen. Die Formfindung geschieht in unterschiedlicher Weise, oft arbeitet sie an verschiedenen Werken gleichzeitig. Eins führt zum andern und ist ohne das Vorherige nicht denkbar. Manche der skizzenhaften Arbeiten dienen ihr als Modelle, die sie später im Raum zur grossformatigen Skulptur aufbläst. Ihre Vorgehensweise jedoch mit derjenigen einer Architektin zu vergleichen, die die Zeichnung benutzt, um ihre Ideen zu entwickeln und sie schliesslich in Form eines Modells zu präsentieren, ist weit gefehlt. Im Zentrum von Simone Holligers künstlerischem Interesse steht die zeichnerische Geste. Es sind Formen aus dem Alltag, dem Stadtraum, dem Atelier, aber auch Zitate aus der Kunstgeschichte oder von anderen Künstlerinnen und Künstlern, die sie rezykliert. Zwischen abstrakter Form und figürlicher Darstellung glauben wir fragmentarische Monumente oder roboterähnliche Kompositionen zu entdecken. Hie und da tauchen fratzenartige Gesichter auf. An anderer Stelle gemahnt die Formgebung an eine Gebirgslandschaft, vielleicht aber auch an Staumauern oder ist es vielmehr ein Labyrinth?

    Durchwandern wir in Gedanken weiter den Raum und blättern durch die Buchseiten, entdecken wir immer wieder neue Bezüge zwischen und zu den einzelnen Arbeiten. Es ist einVorwärtstasten im entstehenden Bildraum. Dieses «Vor- und Zurückblättern» mag einerseits im übertragenen Sinn dem Arbeitsprozess von Simone Holliger entsprechen. Andererseits eröffnet es der Betrachterin, dem Betrachter einen Gedankenraum, um die Werke im eigenen Vorstellungsraum selbst anzuordnen. Wir werden dazu aufgefordert, gleich Simone Holligers eigenem Installationsprozess, nach Allianzen und Bezugspunkten zwischen den einzelnen Formen zu suchen, die sie uns stehend, liegend, an die Wand gelehnt oder balancierend präsentiert.

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